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28.01.2022

Erst beim fünften Anlauf habe ich meine „Mama“ gefunden!

Zwei junge Menschen erzählen ihre ganz persönliche „Erziehungsstellengeschichte“


Regelmäßig ist Sabrina Arndt (Zweite von links) mit den verschiedenen Erziehungsstel-lenpartnerinnen im Austausch. Sie ist für Interessent/innen die Ansprechpartnerin und über die Telefonnummer 05441-97568-38 zu erreichen.

DIEPHOLZ. Es ist beeindruckend, macht manchmal betroffen, weckt aber auch Hoffnung und zeigt, wie viele Einflüsse eine Rolle dabei spielen, ob Kinder und Jugendliche auf ihrem persönlichen Weg die passende Unterstützung erhalten und „unbeschwert“ aufwachsen können. Eine der Möglichkeiten, wenn es in der eigenen Familie gar nicht mehr passt, sind die Erziehungsstellenpartner/innen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe des Unternehmens- bereiches Bethel im Norden.

Wir wollen damit ihr Interesse wecken, sich als pädagogische Fachkraft für eine Erziehungsstelle zu entscheiden, die sicher viel Freiheit bietet, aber auch mit großer Verantwortung verbunden ist. Denn häufig trifft man auf Kinder oder Jugendliche, die keine guten Erfahrungen gemacht, mehrere „Stationen“ hinter sich haben haben und gerade deshalb eine sehr individuelle Unterstützung benötigen, um ihren eigenen Weg, bis ins Erwachsenenalter, gehen zu können.

Weitere Informationen erhalten Sie bei der verantwortlichen Koordina-torin Sabrina Arndt. Sie beantwortet ihre Fragen, gibt wertvolle Tipps und bietet auch Kontakte zu langjährigen Erziehungsstellenpartner/ innen an. Sie erreichen sie unter der Telefonnummer 05441-97568-38 und unter der E-Mail-Adresse sabrina.arndt[at]bethel.de.

Eine wichtige Anmerkung zum Artikel: Wir haben ganz bewusst auf Fotos verzichtet und auch die Namen geändert. Wir möchten uns auf diesem Wege sehr herzlich dafür bedanken, dass – wir nennen sie Lisa und Jonas - so offen über Ihre Kindheit und Jugend gesprochen haben und haben großen Respekt vor dem, was sie für sich geschafft haben – dies kann und soll einfach Mut machen!  

Die 31-jährige Lisa und der 19-jährige Jonas erzählen ihre ganz persönliche Geschichte über ihre eigene Familie und über ihre Erfahrungen, die sie mit den verschiedenen Angeboten der Jugendhilfe gemacht haben.

Lisa ist heute 31 Jahre alt, verheiratet und hat mit ihrem Mann zwei Kinder 

 „Meine Schwester war zehn und ich neun Jahre alt, als uns das Jugendamt aus unserer Familie herausgeholt hat. Meine Eltern waren einfach nicht in der Lage, sich um uns zu kümmern“. So beginnt die Geschichte von der 31-jährigen Lisa. Für kurze Zeit waren sie in einem Kinderheim, hatten keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern und kamen dann anschließend für ein Jahr zu einer Pflegefamilie. Hier wollte Lisa nicht mehr sein, fühlte sich nicht wohl und tat nach eigener Aussage viel dafür, um anderswo untergebracht zu werden. Als es so weit war, ging sie alleine, ihre Schwester blieb in der Familie. „Nach weiteren Stationen, in den es um viele andere Dinge, aber aus meine Sicht nie um mich ging, hatte ich für mich entschieden, dass ich in keiner Familie mehr leben wollte“, so Lisa weiter. Zumal sie auch zu ihrer eigenen Familie keine Beziehung mehr hatte. Es gab nur wenig Kontakt zu der Schwester und zu den Großeltern. Überhaupt keinen Kontakt gab es zum Vater und als sie sich mit ihrer Mutter traf, war diese betrunken.

Zu diesem Zeitpunkt war sie 15 Jahre alt und nur der Hartnäckigkeit einer Koordinatorin im Bereich der Erziehungsstellen war es zu verdanken, dass sie sich doch noch eine Familie anschaute, ob diese nicht etwas für sie wäre. „Und als ich dann dort ankam und wie ganz selbstverständlich in die Arme genommen wurde, – so etwas kannte ich gar nicht und war total überfordert - habe ich gleich das Gefühl, hier könnte es passen.“ Aus diesem ersten Moment sind mehr als sechs Jahre geworden. „Ich bin dann erst ausgezogen, als ich mit 21 Jahren meine Berufsausbildung als Bäckereifachangestellte begonnen habe.“ Aber sie ist in der Zeit immer noch häufig, besonders am Anfang, nach „Hause“ gefahren. „Für mich hat es lange gedauert, aber ich habe mit 15 Jahren in dieser Erziehungsstelle meine „Mama“ getroffen, die ich über viele Jahre nicht hatte. Und das Verhältnis ist so geblieben. Ich komme, auch jetzt mit meiner eigenen Familie, immer wieder gerne zurück.

Es hört sich am Ende alles so reibungslos an. Das war es aber nicht. Natürlich gab es auch immer wieder mal Konflikte, die man aber gemeinsam lösen konnte. „Für mich und meinen Mann, die wir sechs eigene Kinder und auch sechs Kinder als Erziehungsstellenpartner großgezogen haben, war es immer wichtig, dass wir vom ersten Moment an eine menschliche Wärme und eine Vertrauensbasis geschaffen haben, die es braucht, um sich aufeinander einzulassen“, so die erfahrene Erziehungsstellenpartnerin. Dies konnte Lisa nur bestätigen: „Für mich hat es sich so angefühlt, dass ich als Mensch eine Rolle spielte, ich mich wohl fühlte und nach kurzer Zeit wirklich angekommen war. Und das mit allen meinen Stärken und Schwächen, die ich mitgebracht habe. Wenn ich zurückblicke, hätte ich mir dieses Gefühl schon viel eher gewünscht. Aber ich bin heute froh und dankbar, dass ich es überhaupt so erleben durfte“. 

Wie wichtig hier auch erfahrene Kolleginnen und Kollegen auf Seiten des zuständigen Jugendamtes und der Jugendhilfe des Unternehmensbereiches Bethel im Norden sind, zeigt diese Geschichte sehr eindrucksvoll. Maren Menke, schon über viele Jahre als Koordinatorin für die Erziehungsstellen im Unternehmensbereich Bethel im Norden zuständig, weiß wie schwierig es ist, zum richtigen Zeitpunkt genau die Hilfe und Unterstützung anbieten zu können, die ein junger Mensch in einer sehr schwierigen Situation dringend benötigt: „Hier spielen einfach so viele Faktoren eine Rolle. Aber ich kann aus meiner beruflichen Erfahrung heraus sagen, dass alle Beteiligten mit sehr viel Ruhe und Geduld eine gemeinsame Entscheidung treffen.

Aber natürlich kann man nicht immer sagen, dass dies dann auch genau die richtige Wahl ist“. Von daher findet sie es wichtig, dass auch zwischen „neuen“ und „alten/ erfahrenen“ Erziehungsstellen-partner ein regelmäßiger Austausch stattfindet. „Wir wollen einfach dafür sorgen, dass es wie beim Fall von Lisa nicht erst fünf Stationen dauert, bis die Unterstützung passt und wirkt.

Da hatte der heute 19-jährigen Jonas mehr Glück, wenn man in diesem Bereich überhaupt davon sprechen kann. Gleich bei der ersten Familie passte es und es ist bis heute so geblieben.

Der 19-jährige Jonas ist seinen Weg gegangen – gemeinsam mit der Erziehungsstelle

Seine Mutter konnte sich aufgrund einer Erkrankung nicht in entsprechender Form um ihn kümmern. Dazu kam, dass Jonas durch eine Hörschädigung nicht sprechen konnte und so wurde gemeinsam mit der Mutter und dem zuständigen Jugendamt die Entscheidung getroffen, dass er mit drei Jahren in eine Erziehungsstelle kommt, die sich ganz bewusst für Kinder mit Handicaps entschieden hatte. „Für mich hätte es damals einfach nicht besser laufen können. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl in meiner »neuen« Familie gefühlt und habe dort viel Zuneigung sowie Verständnis erfahren.“ Anders als bei Lisa hat er aber bis heute immer auch Kontakt zu seiner Mutter. „Das Verhältnis war immer gut und wir treffen uns immer noch regelmäßig“, so Jonas. Und auch in seinem Freundeskreis spielte es überhaupt keine Rolle, dass er nicht bei seiner Mutter lebte. Für ihn war einfach die Erziehungsstelle sein neues Zuhause, in der seine Freunde ihn gerne besucht haben.

Durch seine Hörschädigung und der späteren Diagnose ADHS haben dann alle Beteiligten und gerade auch Jonas selbst die Entscheidung getroffen, dass er nach der vierten Klasse die Förderschule des Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte in Osnabrück besuchen wird. „Für uns als Koordinatoren ist es vielen Phasen immer auch wichtig, nah dran zu sein, gemeinsam verschiedene Möglichkeiten zu prüfen und diese Überlegungen dann auch mitzutragen“, beschreibt Maren Menke ihre tägliche Arbeit. Bei Jonas klappte dies häufig besonders gut, weil alle immer am gleichen Strang zogen und er sich durch viele positive Entwicklungsschritte immer auch mitgenommen fühlte.

Einige Jahre später, als es auf den Abschluss zuging, zog Jonas aufgrund der langen Fahrzeiten für Hin- und Rückweg ins Internat des Landesbildungszentrums, verbrachte dort die Wochentage, kam aber wie selbstverständlich jedes Wochenende wieder nach Hause zurück. „Dadurch konnte ich mich in der Woche mehr auf meinen Abschluss konzentrieren und habe einen sehr guten Realschulabschluss machen können,“ blickt der 19-jährige sichtlich zufrieden zurück. Anschließend machte er eine Ausbildung zum Sozialassistenten, die er ebenfalls erfolgreich abschloss.

Heute lebt er alleine in seiner eigenen Wohnung, ist selbstständig geworden und trifft viele Entscheidungen für sich selbst. „Aber ich weiß, dass ich zu jeder Zeit auch wieder nach »Hause« fahren kann und jederzeit auch die Unterstützung bekomme, die ich benötige. Diese Sicherheit gibt mir ein wirklich gutes Gefühl“, so der 19-jährigen zum Abschluss des ausführlichen Gesprächs.  

Hier finden Sie alle notwendigen Informationen zu den Erziehungsstellen. Bewerben Sie sich gerne bei unserer Koordinatorin Sabrina Arndt.


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